Alles im Griff?

Gianni ist mir seit vielen Jahren ein guter Freund. Wir sind beide Unternehmer. Trotzdem ist er total anders – zum Glück. Unternehmer brauchen Freunde, die anders sind. Er gehört zum Beispiel zu jenen Leuten, die in den Wald gehen, um Bäume zu umarmen. Obschon ich Bäume mag, würde ich das nie tun, nicht einmal, wenn ich sicher bin, dass mir niemand zusieht. Als aussergewöhnlicher Mensch folgt er eher seiner Intuition als irgendwelchen strategischen Grundsätzen. Gianni Vasari ist übrigens ein erfolgreicher Künstler. Sein Erfolg widerspricht jedoch sämtlichen Grundsätzen des Marketings.
Immer wenn sich seine Fangemeinde mit seinen Werken angefreundet hat und sich ein kommerzieller Erfolg abzeichnet, macht er einfach etwas anderes. Anstelle von Bildern schafft er Skulpturen oder er wechselt von schwarz-weissen Holzschnitten auf grosse Leinwände mit kräftigen Farben. Statt bedürfnisorientiert zu produzieren und endlich Geld zu verdienen, setzt er um, was ihm seine künstlerische Intuition vorgibt. Seine Preispolitik ist ebenso inexistent wie irgendeine Art von

administrativem System. Sein Büro ist ein nicht mehr erkennbarer Tisch unter einem Berg von Skizzen, Fotos, Zeitungsausschnitten und Korrespondenz. Er nennt dieses Chaos sein «labiles Gleichgewicht».
Kürzlich bin ich mit ihm nach Zürich gefahren. Wir haben dort ein gemeinsames Projekt für Sozialsponsoring zugunsten von Menschen mit Behinderung. Irgendwann unterwegs fragt er mich: «Und, hast du alles im Griff?» Auf eine solch rhetorische Frage antworte ich grundsätzlich mit «nein», denn nur eine Verneinung liefert weiteren Gesprächsstoff. Giannis Antwort war einmal mehr überraschend: «Das ist gut so, denn wer alles im Griff hat, hat keine Hand mehr frei, um was anderes anzupacken.»
So ist er immer. Mitten im Small Talk macht er unverhofft, ohne Vorankündigung eine hochphilosophische Aussage. Könnte es sein, dass wir in unserem Streben nach Perfektionismus das Wesentliche nicht mehr erkennen und Chancen an uns vorbeiziehen lassen? Stimmt es, dass das Chaos die Quelle der Kreativität ist? Müssen wir wieder lernen,


 
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